Anmeldungsdatum: 23.07.2005
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Oft hört man den Satz, Kent habe Bönninghausens Taschenbuch ausschließlich für das Kapitel Generals [Allgemeines] benutzt. Ist dem wirklich so?
Zunächst gilt es, sich Kents Standpunkt einmal genauer anzusehen, wird doch fast überall verbreitet, Kent sei ein strikter Gegner des Bönninghausenschen Ansatzes gewesen.
In seinem berühmten Artikel: "The Trend of Thought Necessary for the Comprehension and Retention of Homoeopathy" (Lesser Writings, S. 448ff spricht Kent entsprechend sehr hart über Bönninghausen (S. 449)
| Zitat: | | With the thoughts centered on a thing in one part of the body, then on the concomitants and then the modalities, as recommended in the preface of Boenninghausen, you are led far away from the trend of Hahnemann, and Homoeopathy is destroyed by such methods. If that method were successful, I would not oppose it; but it is not in line with Hahnemann's methods,-it does not lead to the characteristic symptoms of the case. What you want is to be led easily, simply, to that which characterizes the patient. |
Übersetzung:
| Zitat: | | Werden die Gedanken auf eine Sache in einem Teil des Körpers gerichtet, dann auf die Begleitsymptome und dann auf die Modalitäten, wie es Bönninghausen im Vorwort [zum Taschenbuch] empfiehlt, wird man von Hahnemanns Richtung sehr weit weggeführt und die Homöopathie wird durch solche Methoden zerstört. Wäre diese Methode erfolgreich, würde ich sie nicht ablehnen; aber sie steht nicht in Übereinstimmung mit den Methoden Hahnemanns, sie führt nicht zu den charakteristischen Symptomen des Falls. Was man möchte, ist problemlos und einfach darauf hingeführt zu werden, was den Patienten charakterisiert. |
Ist damit also alles gesagt? Zunächst sollte man sich an die Tatsache erinnern, daß zur Entstehungszeit von Kents Repertorium insgesamt drei Ausgaben des Taschenbuchs auf dem amerikanischen Markt vertrieben wurden:
Bönninghausen, C. von: Boenninghausen's Therapeutic Pocket book for Homoeopathists; to be used at the Bedside of the Patient, and in the Study of the Materia Medica. Edited by A. Howard Okie, M.D. , translator of Hartmann's Remedies; Parts 1 and 2, Ruoff's Repertory; Author of Reply to Holmes, etc. Boston: Otis Clapp. 1847. 18mo., pp. 483.
Bönninghausen, C. von: Therapeutic Pocket-book for Homoeopathic Physicians; to be used at the Bedside of the Patient, and in studying the Materia Medica Pura. By Dr. C. von Boenninghausen, Counsellor of the Prussian Government; Inspector of the Botanical Garden; Practical Homoeopathic Physician; Actual, Honorary, and Corresponding Member of many learned Societies at home and abroad. Edited by Charles J. Hempel, M.D. New York: William Radde. 1847. 8vo., pp. 504.
Bönninghausen, C. von: Therapeutic Pocket-book for Homoeopathic Physicians; to use at the Bedside, and in the Study of the Materia Medica. A new American Edition, by Timothy Field Allen. Philadelphia: The Hahnemann Publishing House. 1891. 8vo., pp. 484.
und wenn man das ganze noch etwas weiter faßt, ist auch folgender Titel noch zu nennen:
Guernsey, William Jefferson: Guernsey's Boenninghausen. Ein Kartenrepertorium, mit je einem Arzneimittel je Karte, basierend auf der Übersetzung von Hempel.
Kent war also in einer Situation, wie sie jeder Herausgeber eines Repertoriums auch heute noch vor sich hat: Er muß sein Repertorium auf den Markt bringen und wird selbstverständlich die Vorteile seines Ansatzes hervorheben. Nun ist es vielleicht nicht ganz die feine Arzt, zum dem Mittel des Schlechtmachens der Konkurrenz zu greifen, aber doch in gewissem Maße verständlich. Kurz und gut: Bei Kent ist eine gewisse Verteidigungs-Haltung nicht ganz zu leugnen.
Wie so oft, sollte man sich jedoch weniger in Spekulationen ergehen, gegen die sich Hahnemann in den chronischen Krankheiten einmal so vorzüglich ausgelassen hat, wo er im Vorwort zu Aurum metallicum schreibt:
| Zitat: | | weil es bequemer war, bloß zu behaupten, so setzten sie gewöhnlich kecke Aussprüche, theoretische leere Vermuthungen und willkürliche Satzungen an die Stelle begründeter Wahrheit. |
In diesem Falle kommt man der "Wahrheit" dann näher, wenn man einmal untersucht, ob Kent das Taschenbuch benutzt hat, und falls ja, in welchem Ausmaße. Hier werden viele sogleich antworten: Natürlich, er hat Rubriken aus dem Taschenbuch für das Kapitel Generals [Allgemeines] benutzt, was fraglos richtig ist. Interessant wird es jedoch, wenn man tiefer bohrt: Kent hat nachweislich Rubriken aus fast allen Kapiteln bzw. Unterkapiteln des Taschenbuchs übernommen. Dies läßt sich folgendermaßen verifizieren:
a) man vergleiche alle Rubriken aus dem Taschenbuch von Bönninghausen mit entsprechenden Rubriken bei Kent.
b) nun betrachte man, wie viele Arzneimittel von Bönninghausen im Kent zu finden sind.
c) hierbei berücksichtige man die Tatsache, daß Kent genau vier Arzneimittel aus Prinzip nicht übernahm: ang. und die drei Magnete.
d) dann vergleiche man die Grade.
Um diesen Beitrag nicht unnötig lang werden zu lassen, werde ich nur ein Beispiel ausführlich diskutieren:
Beispiel
a) Die Rubrik: "Empfindungen und Beschwerden - Haut - Jucken - Kratzen; nach - Blüten" im Taschenbuch auf S. 249) im Vergleich zu "Skin - Eruptions - pimples - scratching, after" bei Kent (S. 1316, kann aber je nach Ausgabe variieren)
b) Bönninghausen = 37 Arzneimittel versus Kent = 38 Arzneimittel, alle 37 Mittel aus dem Taschenbuch sind im Kent enthalten!
c) kein ang. bzw. keine Magnete enthalten
d) die Grade zeigen ein festes Schema (genau gesagt: eine Transformations-Matrix)
Aus dem 4. Grad (ich betrachte die Arzneimittel in Klammern der Einfachheit halber als 0. Grad) wird der dritte Grad.
Beispiel Sep. 4. Grad im Taschenbuch => 3. Grad bei Kent
Aus dem 3. Grad im TB wurde der 2. Grad bei Kent
Beispiel: Caust. und Sulph. 3. Grad im Taschenbuch => 2. Grad bei Kent
Aus dem 2. Grad im TB wurde der 1. Grad bei Kent
Beispiel: Am-m. und Bry. im TB => 1. Grad bei Kent
Der 1. Grad blieb unverändert
Beispiel: am-c. in beiden 1. Grad.
Und jetzt das - vielleicht - überraschende Resultat: Unter Berücksichtigung dieser Regel für Grade, sind alle Arzneimittel und Grade identisch!
Analysiert man nun alle Rubriken des Taschenbuchs nach dieser Methode, so findet man Hunderte von Rubriken, die als identisch anzusehen sind, bzw. bei denen zweifelsfrei feststeht, daß Kent diese Rubriken aus dem Taschenbuch übernommen hat. (Eine völlig exakte Analyse müßte natürlich als Basis nicht das deutsche Taschenbuch heranziehen, sondern die von Kent benutzte Übersetzung.) Nimmt man als (zugegebenermaßen willkürliche) Grenze eine 90%ige Übereinstimmung als Indiz für die Benutzung des Taschenbuchs, so findet man rund 400 Rubriken, die dieses Kriterium erfüllen.
Das Erstaunlichste dabei ist jedoch, daß man Rubriken aus Kapiteln wie Gemüt, Träume, Nase, Auswurf, Haut, Gesicht usw. von Kent übernommen findet, also keineswegs nur die sog. Allgemeinrubriken.
Resultat:
Kent benutzte das Taschenbuch ausgiebier, als seine Artikel und seine Kritik an Bönninghausen vermuten lassen.
Kent benutzte Symptome aus nahezu allen Kapiteln des Taschenbuches.
Nebenbei wirft dies auch ein interessantes Licht auf folgende Aussage (aus Georg von Keller, Gesammelte Aufsätze und Vorträge zur Homöopathie, S. 1f): Im Vorwort zur 3. Auflage schreibt Dr. Kent: "I have verified every symptom in the book." Den mehrdeutigen Begriff "verfified" kann man hier in zweierlei Richtung auslegen: Einmal könnte es [anhand der Quellen] "überprüft" heißen, oder verifiziert, so wie ihn Kent in den Lectures im Abschnitt 33. The Value of Symptomes selbst definiert: "When that symptom has been removed or cured by the remedy in the hands of a physician, it can then be said to have been verified."
Welche Interpretation man auch bevorzugen mag, eine wie oben gezeigte 100% Übernahme von Einträgen aus Bönninghausens Taschenbuch ist damit wohl kaum in Einklang zu bringen.
Peter Vint, 29. Juli 2005 |
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